Von Shaxi nach Shangri-La
3. bis 5.April ⋅ ⛅ 14 °C
Eine reichliche Stunde fahren wir mit einem Taxi von Shaxi bis Lijiang.
Der Fahrer ist müde. Sehr müde. Einmal habe ich sogar den Eindruck, dass ihm für einen kurzen Moment die Augen zufallen. Ein Sekundenschlaf?
Ich weiß es nicht, aber in diesem Augenblick fühle ich mich alles andere als wohl. Die Anspannung bleibt, bis wir endlich den Bahnhof von Lijiang erreichen.
Ab hier geht es mit dem Zug weiter. Einem C-Zug. Diese Züge sind nicht ganz so schnell wie die G- oder D-Züge, aber die Sitze sind ausgesprochen komfortabel.
Die Fahrt verläuft zu schätzungsweise 80 Prozent durch Tunnel. Die Abstände zwischen den Tunneln sind teilweise so kurz, dass es sich anfühlt,
als würden wir nur kurz Luft holen, bevor wir wieder im Berg abtauchen.
Ein einziges Mal haben wir etwas länger freie Sicht auf die Landschaft. Und wir sitzen offensichtlich auf der „richtigen“ Seite des Zuges.
Denn plötzlich eröffnet sich uns ein sensationeller Ausblick auf das, was uns in wenigen Tagen erwartet:
die Tiger Leaping Gorge.

Aber jetzt geht es erst einmal nach Shangri-La.
Shangri-La
„Lost Horizon“ hat nicht nur James Hilton, den Schriftsteller des Romans berühmt gemacht, sondern auch das dort beschriebene Tal im Himalaya.
Ein friedlicher Ort, ohne Kriege und mit extrem lang lebenden Menschen namens Shangri-La.
Der Name ist erfunden.
Oder doch nicht?
Es hat Ähnlichkeit mit dem tibetischen Wort Shambhala, das für eine Art Paradies steht. Einiges spricht für eine Ableitung des Wortes.
Dagegen spricht allerdings, dass Buddhisten nicht das Paradies, sondern nur das Nirwana (wörtlich: Erlösung) anstreben.
Wie auch immer. So genau weiß es niemand.
Auch die chinesische Regierung nicht. Als es keine verfügbaren Nachweise für einen solchen Ort gab, hat sie 2001 einen Wettbewerb ausgeschrieben,
in dem sich Städte bewerben konnten, die diesen Namen tragen wollen. Beworben haben sich viele Städte. Gewonnen hat Zhongdian im Norden der chinesischen Provinz
Yunnan. Es befindet sich im Hengduan-Gebirge, das an das tibetischen Plateau grenzt und als östliche Verlängerung des Himalaya-Gebirgssystems gilt.
Die Umbenennung brachte der Tourismusindustrie der Stadt eine 600%-ige Steigerung. Und das - obwohl Shangri La ziemlich weit abgelegen von der Welt ist und erst
seit Ende November 2023 einen Bahnhof besitzt. Bis dahin war nur eine Anreise per Bus oder Taxi ab Lijiang möglich.
Da möchte man doch annehmen, dass die Stadt mal auf die Schnelle ein tibetisches Disneyland mit künstlichen Nachbauten geworden ist.
Nein ist sie nicht.
Tibeter bewohnen die Ortschaft bereits seit mehr als 1.300 Jahren. Ursprünglich trug sie den Namen Dangdang und stand lange Zeit unter tibetischer Herrschaft.
Mitte des 18. Jahrhunderts wurde Groß-Dangdang schließlich der chinesischen Provinz Yunnan zugeordnet. Zwischen 1913 und 2001 war der Ort unter dem Namen
Zhongdian bekannt. Seine Bedeutung erhielt er vor allem durch seine Lage an der legendären Tee-Pferde-Karawanenstraße (Chamagudao), einer historischen Handelsroute,
die Yunnan mit Tibet verband. Händler und Karawanen legten hier auf ihrem beschwerlichen Weg Rast ein. Der tibetische Name Dukezong bedeutet übersetzt
etwa „Mondstadt“ oder „Stadt des Mondlichts“. Der Name verweist auf die besondere Verbindung der Stadt zur tibetischen Kultur und Tradition.
Heute ist Shangri-La Teil des Autonomen Bezirks Diqing der Provinz Yunnan und liegt auf etwa 3.300 Metern Höhe. Die Hauptbevölkerung stellen Tibeter.
Daneben leben hier Angehörige zahlreicher weiterer Volksgruppen. Insgesamt sind in der Region 37 ethnische Gruppen vertreten, darunter Han, Naxi, Yi und Bai.
Diese kulturelle Vielfalt prägt bis heute das Bild der Altstadt von Dukezong.
Unsere Unterkunft hieß bei der Buchung noch „Three Seasons“ - ein Schelm der eine Ähnlichkeit mit einer weltbekannten Hotelkette vermutet.
Jetzt heißt es Sanji Liulu.
Der kostenlose Abholdienst macht sich gut. So können wir an der Armada der Taxifahrer einfach so vorbeigehen.
Hier in Shangri-La sind es nur 20 Grad.
Aber die Sonne hat eine Kraft, dass man gleich in FlipFlops schlüpfen möchte. Auch das Licht ist fast schmerzend grell.
Nur eine Sonnenbrille bringt Erleichterung. Kein Wunder aber auch. Shangri-La liegt bei 3.350 Höhenmetern.

Das Hotel liegt in der Altstadt. Das Äußere ist super schick. Wie eine Perle zwischen Kieselsteinen.
Auch im Inneren empfängt uns durchgehend westliche Eleganz kombiniert mit asiatischen Elementen.
Die Gastgeber sind freundlich. Können aber so gar kein Englisch. Auch unser Übersetzter scheint nicht ganz das zu sagen, was wir ausdrücken möchten.
Der Ausblick des Zimmers ist praktisch nicht vorhanden.
Hatte ich nicht ein Zimmer mit View gebucht? Wir bekommen ein anderes Zimmer.
So können wir wenigstens Richtung Straße schauen. Das andere, riesige Fenster zeigt uns das Baugeschehen in etwa dreißig Meter Entfernung.
Aber was soll’s. Das Zimmer ist groß. Die Ausstattung elegant.
Es gibt Fußbodenheizung, eine intelligente Toilette und das Zimmer wird durchgehend mit Sauerstoff angereichert.
Zur Not liegen auch Schläuche da. Aber die brauchen wir nicht. Wir sind gut akklimatisiert.
Was also gibt es in Shangri-La zusehen?
Na zu allererst machen wir uns auf zum von weitem sichtbare Songtsam Kloster.
Es ist sehr ähnlich dem Potala Kloster in Tibets Lhasa.
Leider hat sich Wetterlage inzwischen total geändert. Die Sonne verschwindet unter den dicken Wolken.
Songzanlin Monastery
Das Songzanlin Monastery – auch Ganden Sumtseling Monastery genannt – ist das größte tibetisch-buddhistische Kloster der Provinz Yunnan
und gilt als eines der bedeutendsten Klöster außerhalb Tibets. Es steht etwa fünf Kilometer nördlich von Shangri-La.
Wegen seiner eindrucksvollen Lage auf einem Hügel und der goldenen Dächer wird es häufig auch als „Kleiner Potala-Palast“ bezeichnet.
Im Gegensatz zum Potala-Palast, der heute vor allem ein Museum ist, leben und praktizieren im Songzanlin Monastery noch immer über
600 Mönche der Gelug-Schule („Gelbmützen“) den tibetischen Buddhismus.
Gegründet wurde das Kloster im Jahr 1679 unter der Schirmherrschaft des 5. Dalai Lama.
Die weitläufige Klosteranlage besteht aus zahlreichen Wohngebäuden, Innenhöfen, Tempeln und Gebetshallen.
Während der Kulturrevolution (1966–1976) wurde das Kloster weitgehend zerstört. Erst Anfang der 1980er-Jahre, im Zuge der Reformpolitik unter
Deng Xiaoping, begann der Wiederaufbau. Dabei erhielt das Kloster auch seine charakteristischen goldenen Dächer zurück.
Wie immer bringt uns ein Didi zum Kloster.
Zum ersten Mal auf unserer Reise werden wir von einer Frau chauffiert und direkt am Ticketschalter abgesetzt.
Während Rainer die Eintrittskarten besorgt, entdecke ich eine wunderbar kuschelige 🐼-Mütze, die mein Ohr vor der Kälte schützen soll.
40 ¥ – also gerade einmal rund 5 € – kostet das gute Stück.
Mit dem Shuttlebus geht es anschließend hinauf zum Kloster.
Unterwegs beginnt es zwar zu regnen, doch auf über 3.300 Metern Höhe hat der Wind leichtes Spiel und vertreibt die Wolken schon nach kurzer Zeit.
Genau wie beim Potala Palace in Lhasa müssen auch hier zunächst unzählige
Treppen überwunden werden, bevor sich die beeindruckende Klosteranlage vor uns erhebt.
Unterwegs legen wir immer wieder eine Pause ein, um etwas Luft zu holen.
Na gut… auch für das eine oder andere Foto.
Auffällig ist, dass gefühlt jeder zweite junge Chinese an einer kleinen Sauerstoffflasche zieht. Auf über 3.300 Metern Höhe ist die Luft schließlich
deutlich dünner. Ob wirklich jeder den zusätzlichen Sauerstoff braucht oder manche einfach auf Nummer sicher gehen, bleibt für uns ein kleines Rätsel.

Nach den vielen Treppen öffnet sich plötzlich ein großer Vorplatz.
Dieser zentrale Innenhof wird in tibetischen Klöstern Deyangshar genannt und bildet das Herz der gesamten Anlage.
Von hier aus gelangt man in die prächtigen Tempel und Gebetshallen.





Es bleibt nicht aus, dass wir laufend alles, was wir sehen, mit dem Potala-Palast vergleichen.
Wunderschön ist auch dieses Kloster. Und ja, das Songzanlin Kloster ist mindestens genauso sehenswert.
Die Atmosphäre wirkt ruhig. Immer wieder sehen wir Mönche in ihren dunkelroten Roben.
Wir haben letztendlich wirklich Glück mit dem Wetter.
Von oben bietet sich ein weiter Blick über Shangri-La, den Napa-See und die umliegenden Berge des tibetischen Hochlands.



Die dunklen Regenwolken haben sich etwas verzogen.
So in der Ferne machen sie sich gut auf jeder einzelnen Aufnahme.

Überall begegnen uns die typischen Symbole des tibetischen Buddhismus.
Die kupferfarbenen Gebetsmühlen sind mit dem Mantra „Om Mani Padme Hum“ und weiteren heiligen Schriftzeichen verziert. Gläubige drehen die Gebets-Mühlen
beim Vorbeigehen stets im Uhrzeigersinn. Jede vollständige Umdrehung gilt dabei symbolisch als gesprochenes oder rezitiertes Gebet und soll Mitgefühl
und Glück in die Welt tragen.
Über den vergoldeten Dächern thront das Dharma-Rad mit seinen acht Speichen, flankiert von zwei goldenen Hirschen.
Es steht für Buddhas Lehre und den Edlen Achtfachen Pfad, der zum Erwachen führen soll. Die Hirsche erinnern an Buddhas erste Lehrrede im Wildpark von
Sarnath und symbolisieren die Verbreitung seiner Lehre. Deshalb findet man diese Kombination auf nahezu jedem tibetischen Klosterdach.
Die reich verzierten goldenen Banner und Dachornamente gehören ebenfalls zur traditionellen Symbolik tibetischer Klöster.
Sie stehen für Weisheit und Erleuchtung und verleihen den Tempeln ihr unverwechselbares Erscheinungsbild.





Dass sich die Chinesen leidenschaftlich gern fotografieren lassen, haben wir schon in Shilin erlebt. Hier in Shangri-La bekommt das Ganze allerdings
eine neue Dimension. Gefühlt läuft jeder Zweite in ausgeliehener tibetischer Tracht herum und lässt sich professionell ablichten. Irgendwie wirkt das auf
mich immer noch etwas befremdlich. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich Tibet noch aus einer Zeit kenne, in der diese Kleidung ganz selbstverständlich von
den Einheimischen getragen wurde und nicht Teil eines Fotoshootings war.
Dieses Bild trage ich bis heute in mir. Aber das ist wohl eher mein persönliches Empfinden.
Und eines muss ich zugeben: Schön anzusehen ist es allemal.

Nach anderthalb Stunden verlassen wir das Kloster wieder.
Für einen kurzen Moment fühlen wir uns, als hätten wir einen Abstecher nach Tibet gemacht.
Oder es ist die dünne Luft hier oben. Bekanntlich macht ja dünne Luft glücklich.
Sieht man doch. Oder?


Unten angekommen gibt es gegenüber vom Ausgang eine Plattform.
Diese Plattform ist ideal, um noch einmal einen Gesamtblick auf das Kloster zu haben.
Die allerletzten Sonnenstrahlen machen den Anblick sensationell.



Der Ankunftstag war schon sehr Foto-reich.
Nach einem Frühstück ganz nach meinem Geschmack (Nudelsuppe 😉) geht's wieder auf Erkundungstour.
Mit Didi lassen wir uns zum Nordtor der Altstadt, nach Dukezong, bringen.
Zum wiederholten Mal haben wir eine Taxifahrerin. Mittlerweile liebe ich es. Denn das Schöne in Autos, die von Frauengefahren werden, ist - das Auto
riecht nicht nach Zigaretten.
Heute gibt es dazu noch eine „Kultureinlage“. Denn unsere Fahrerin trällert ein Lied 😍
North Gate von Dukezong
Das Nordtor ist heute der nördliche Eingang zur Altstadt von Dukezong.
Es erinnert an die Zeit, als Shangri-La noch ein wichtiger Rastplatz an der legendären Tee-Pferde-Straße war.
Durch dieses Tor zogen einst Händler mit ihren Karawanen, beladen mit Tee, Wolle und Waren zwischen Yunnan und Tibet.
Zwar wurde das Tor nach dem verheerenden Brand von 2014 rekonstruiert, doch die traditionelle tibetische Bauweise vermittelt den Eindruck es sei original.


Das imposante Nordtor ist wie so oft begehbar. Nicht nur das Tor selbst ist wunderschön anzusehen. Auch die Aussicht auf die Umgebung.





Dukezong Ancient Town
Ein in verheerender Brand zerstörte im Januar 2014 große Teile der historischen Altstadt von Dukezong. Die anschließende Wiederaufbauarbeit orientierte sich sehr eng an der traditionellen Bauweise, so dass die Altstadt mit ihren tibetischen Holzhäusern, engen Gassen und kunstvollen Verzierungen ihren ursprünglichen Charakter weitgehend erhalten hat.
Natürlich geht es in den Gassen heutzutage eher touristisch zu. Kleine Cafés, Restaurants und Geschäfte laden zum Bummeln ein. Doch alles wirkt erstaunlich dezent und zurückhaltend. Nach Shangri-La verirren sich ohnehin deutlich weniger Besucher als zu vielen anderen bekannten Orten Chinas. Die Atmosphäre ist angenehm entspannt und die gesamte Altstadt macht einen sehr gepflegten und schönen Eindruck.

Die Altstadt ist wieder einmal bezaubernd. Sie ist – was die Größe betrifft – recht übersichtlich, aber genau das macht ihren Charme aus. Man kann gemütlich durch die Gassen schlendern und entdeckt immer wieder kleine Details. Gleich zu Beginn lockt ein Jackenladen. Tatsächlich gefällt mir eine Jacke auf Anhieb. Die gibt es sogar in meiner Größe. Die Fleecejacke kann man herausnehmen und separat tragen. „Was kostet die?“, frage ich. „180 ¥“, lautet die Antwort. Ich hoffe, der gute Mann hat sich nicht vertan. Das sind ja gerade einmal knapp 23 Euro. Aber nein. Zu meiner Überraschung hat er sich nicht vertan. Ich kann die Freude gar nicht fassen. Abgesehen davon, dass die Jacke eine wirklich gute Qualität aufweist, bin ich ab sofort windgeschützt unterwegs.

Ja und so einen Laden kann ich einfach nicht ignorieren...

Anschließend verweilen wir noch eine Weile in einem Café am Yueguang Square (Moonlight Square), dem zentralen Platz der Altstadt von Dukezong. Bei einem Joghurt lassen wir das Treiben um uns herum auf uns wirken. Dass Chinesen außergewöhnlich guten Joghurt können, haben wir in Shaxi durch Zufall entdeckt. Ich bin ja nicht so der Yoghurt-Esser. Aber hier in China werde ich wohl zum größten Fan.


So ein Café ist ein ausgesprochen guter Ort um Andere zu beobachten.
Hier zum Beispiel... Ein ganz typischer Anblick ist diese Maske, die das gesamtenGesicht abdeckt. Chinesen - jedenfalls die im mittleren Alter - haben
extreme Angst vor Sonnenlicht:

Das nennen wir mittlerweile: Selbstinszenierung 😉
Und posieren färbt ab. Da frage ich eine Mutter ob ich ihre Tochter in ihrem Kostüm fotografieren darf und dann bekomme ich ein solches gestelltes Bild. Schade.


Hier im Yoghurt-Café könnten wir den restlichen Tag verbringen.
Es gibt so viel zu sehen und zu gucken.
Die Sonne ist so herrlich wärmend und einlullend...
Aber wir wollen noch eigentlich noch mehr vom Ort sehen und spazieren entlang der kleinen Gassen in Richtung Guishan Park.




Guishan Tempel
Der Guishan ist der kleine Hügel direkt oberhalb der Dukezong Ancient Town und gehört einfach zum Pflichtprogramm bei einem Rundgang durch die Altstadt. Der Hügel ist vom gleichnamigen Park umgeben.


Zwar kann er mit den gewaltigen Bergen der Umgebung nicht mithalten, doch seine Bedeutung liegt weniger in seiner Höhe als in seiner spirituellen Rolle.
Auf seinem Gipfel steht der Guishan-Tempel.




Eine kleine Besonderheit fällt uns in den Tempeln immer wieder auf:
Auf den Gabentischen stehen neben Obst, Tee und Räucherstäbchen manchmal auch ganz profane Dinge wie Bierdosen oder andere Getränke.
Für uns westliche Besucher wirkt es befremdlich. Aber in der chinesischen Kultur hat das durchaus Tradition, den Göttern und Buddhas das mitzubringen,
was man auch einem geschätzten Gast anbieten würde. Früher waren das eben vor allem Speisen, Tee oder Wein. Heutzutage bringt man eben auch Cola oder Bier mit.
Dabei geht es weniger darum, dass die Gottheit das Bier tatsächlich „trinkt“, sondern um den symbolischen Akt des Schenkens, des Respekts und der Dankbarkeit.
Eine Dose Bier auf dem Gabentisch zeigt damit auch, wie wandelbar religiöse Bräuche sind.

Viel mehr als der Besuch des Tempels interessiert uns hier oben die riesige Gebetsmühle, die wir schon vom North Gate aus der Ferne sehen konnten.
Je nach Quelle wird sie mit ihren rund 21 Metern Höhe als eine der größten Gebetsmühlen ihrer Art weltweit bezeichnet.
Das etwa 60 Tonnen schwere Monstrum soll rund 1,24 Millionen Mantras enthalten und symbolisiert die Kraft der Gemeinschaft.
Gemeinschaft? Ja – denn allein bewegt sich hier gar nichts. Es braucht mindestens zehn Personen, um die gewaltige Mühle überhaupt in Bewegung zu setzen.


Übrigens ist der Rundgang um den Tempel ein ausgezeichneter Ort, um die Stadt und deren Umgebung zu fotografieren:



Vor dem Guishan-Tempel öffnet sich ein größerer Platz. Von hier hat man einen wunderbaren Blick auf den gesamten Guishan-Berg mit seinem Tempel und
der von überall sichtbaren riesigen Gebetsmühle.
Leider hat das Wetter inzwischen komplett umgeschlagen. Die Sonne ist verschwunden. Geduldig warten wir auf ein kleines Loch in der Wolkendecke,
um den Berg mit Tempel und Gebetsmühle noch einmal im schönen Sonnenlicht fotografieren zu können. Doch daraus wird leider nichts.
Die Wolken werden immer dichter und der eiskalte Wind immer unangenehmer. Schließlich geben wir auf und machen uns auf den Rückweg zu unserer Unterkunft.
Natürlich wieder kutschiert von einer singenden Taxifahrerin.
Mein Ohr stellt leider weiterhin ein Problem dar. Es ist kaum besser geworden, aber trotzdem kann ich mich nicht dazu durchringen,
noch einmal ins Krankenhaus zu gehen. Ich setze weiter auf Ruhe und hoffe, dass die Beschwerden mit der Zeit endlich verschwinden.
Rainer geht am Abend noch einmal allein auf Pirsch. Aus der Apotheke bringt er mir Antibiotika mit.
Die helfen mir hoffentlich besser als die Tabletten der chinesischen Medizin. Anschließend gönnt er sich noch eine Fußmassage.
Damit endet unser Aufenthalt in Shangri-La. Dabei gäbe es in der Umgebung noch einiges zu entdecken.
Zum Beispiel den Lugu Lake, der als einer der klarsten Seen Chinas gilt.
Hier lebt die indigene Mosuo-Bevölkerung, deren Gesellschaft bis heute durch matriarchalische Strukturen geprägt ist.
Auch die berühmten Salzkaskaden der Region sollen äußerst sehenswert sein.
Grund genug also, irgendwann noch einmal nach Shangri-La zurückzukehren.
So geht es weiter
Wir verlassen also Shangri-La und machen uns auf den Weg zu unserem nächsten Ziel: der legendären Tiger Leaping Gorge.
Natürlich werden wir dort nicht unten am Fluss wohnen. Ich habe uns eine Unterkunft hoch oben in den Bergen
mit hoffentlich spektakulärer Aussicht gebucht.
Eine Zugverbindung gibt es dorthin natürlich nicht, also wird bereits die Anreise spannend. Schon vorab habe ich unsere Unterkunft gefragt,
ob man sie mit dem Auto erreichen kann. Die Antwort war zwar beruhigend, aber trotzdem bin ich gespannt, wie das Ganze tatsächlich funktionieren wird.
Deshalb bin ich schon ziemlich aufgeregt, ob und wie die Anfahrt klappt.
Am Abend reservieren wir über Didi noch ein Taxi für den nächsten Tag. Als Ziel geben wir unsere hoch gelegene Unterkunft in den Bergen ein.
Ein Ort, bei dem ich mir nicht ganz sicher bin, ob irgendein Fahrer dieses Ziel akzeptieren wird.
Aber wir haben wohl Glück. Jemand nimmt die Anfrage an. Da fällt mir ein Stein vom Herzen. Die erste Hürde auf dem Weg zur Tiger Leaping Gorge scheint genommen.

