Shaxi nach Shibaoshan
1. April ⋅ 🌤️ 21 °C
Nachdem wir am frühen Vormittag noch den Xingjiao-Tempel besucht haben, wollen wir das perfekte Wetter nutzen und ins Umland aufbrechen. Nur etwa 15 Kilometer nördlich von Shaxi liegt die Shibaoshan Scenic Area. Dort befinden sich zwei der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten der Region: die Shizhong Grottoes und der spektakuläre Baoxiang Tempel, auch "Hängende Tempel genannt".
Wie wir allerdings dorthin gelangen, habe ich bei der Reiseplanung nicht vorbereitet. Ich war mir sicher, dass wir die nötigen Informationen in unserer Unterkunft bekommen würden. Doch offenbar gehört dieses Ziel nicht zu den Klassikern, die Individualreisende regelmäßig ansteuern. An der Rezeption zeigt man sich über die Anreisemöglichkeit total unwissend, verweist uns aber an das Informationszentrum.

Im Informationszentrum ist man bestens auf individuell Reisende eingestellt.
Was ich im Vorfeld nicht wusste: Die beiden Hauptattraktionen des Shibaoshan Naturparks, die ursprünglich auf zwei Tage aufgeteilt werden sollten,
lassen sich problemlos an einem einzigen Tag kombinieren. Dank eines Shuttlebusses im Park werden die Sehenswürdigkeiten nämlich miteinander verbunden.
Endlich halten wir auch eine Papierkarte der Region außerhalb von Shaxi in den Händen. Das ist schon echt eine Seltenheit in Zeiten
von Smartphone und QR-Code.
Den Empfehlungen der Mitarbeiterin folgend kaufen wir die Eintrittskarten inklusive Shuttlebus gleich bei ihr.
Für uns beide bezahlen wir 174 Yuan, umgerechnet etwa 22,50 Euro.
Auch die Rückfahrt mit dem Linienbus vom Nationalpark nach Shaxi buchen wir gleich mit. Der Preis - es ist kaum zu glauben beträgt gerade einmal
4 Yuan pro Person. Also rund 60 Cent.
Auf den nächsten Bus vom Informationszentrum zum Shibaoshan möchten wir allerdings nicht warten. Er fährt nur zu festen Zeiten. Ein Taxi bringt uns nicht nur viel schneller ans Ziel - nein ein Didi steht sehr zeitnah, also innerhalb weniger Minuten bereit. Taxifahrten sind in China wirklich günstig. Schließlich ist Zeit auf Reisen ebenfalls kostbar.
Etwa vierzig Minuten später erreichen wir den Eingang des Parks.
Das Einzige, was wir unterwegs vergessen haben, ist das schöne Wetter. Mit jedem Kilometer ziehen
die Wolken dichter auf und der Himmel wird immer grauer…😐
Shibaoshan Scenic Area
Shibaoshan (石宝山) setzt sich aus den chinesischen Wörtern „Shibao“ (石宝) für „Steinschatz“ und „Shan“ (山) für „Berg“ zusammen.
Übersetzt bedeutet es also „Steinschatzberg“ und bezieht sich auf die markanten roten Sandsteinfelsen, deren ungewöhnliche Formen an Glocken,
Löwen oder Pilze erinnern.
Allerdings bezeichnet der heutige Shibaoshan Scenic Area ein weitaus größeres Schutzgebiet,
das mehrere Gipfel umfasst, darunter den Foding Mountain, auf dem der Baoxiang-Tempel liegt.
Der etwa 3.000 Meter hohe Shibaoshan liegt rund 15 Kilometer nördlich von Shaxi und bildet das Zentrum des heutigen Shibaoshan Naturparks. Seit mehr als tausend Jahren gilt er als bedeutendes buddhistisches Pilgergebiet. Besonders bekannt ist Shibaoshan für die dort entstandenen Shizhong Grotten mit ihren kunstvollen buddhistischen Felsreliefs sowie für den spektakulär an die Felswand gebauten Baoxiang Tempel.

Das Taxi setzt uns an diesem Tor am Eingang des Parks ab.
Einen Moment fühlen wir uns etwas "lost". Weit und breit ist niemand zu sehen.
Rainer hat vorsorglich schon den Übersetzer auf dem Handy geöffnet, um – falls doch jemand auftaucht – erklären zu können, wohin wir möchten.
Doch das ist gar nicht nötig. Offenbar hat man uns schon gesehen. Plötzlich erscheint ein Mitarbeiter des Parks. Noch bevor wir ein Wort sagen können,
deutet er auf einen Kleinbus, der am Rand der Parkstraße wartet. Hier sitzt bereits eine kleine Gruppe im Bus.
Wir alle fahren so, wie man es uns im Informationszentrum beschrieben hat:
Zuerst zu den weiter entfernten Shizongzhan Grottoes.
Shizongzhan Grottoes
Die Grotten entstanden über einen Zeitraum von etwa 500 Jahren (738–1253 n. Chr.) während der Tang- und Song-Dynastien. Insgesamt gibt es hier über 17 Grotten und 139 Statuen, die zu den bedeutendsten ihrer Art in Südwestchina zählen. Sie zeigen Buddhas, Bodhisattvas, Könige des Nanzhao- und Dali-Reiches sowie Szenen aus dem religiösen und alltäglichen Leben jener Zeit.

Die Shizongzhan Grottoes sind vom Shuttle-Bus Parkplatz über einen Kurzwanderung durch den Wald zu erreichen. Unser Ausgangspunkt befindet
sich auf einer Höhe von 2.550 Metern. Zu den Grotten geht es über Treppen nach unten. Und zwar über unendlich viele!
Unterwegs werden wir mit schöner Aussicht auf das Tal belohnt.


Unter Grotten haben wir uns etwas mit Höhlen vorgestellt. Aber was wir vorfinden, entpuppt sich als viele Steinmetzarbeiten in unterschiedlichen Felsen. Dennoch sind wir endlos begeistert.




Wo die Gruppe aus dem Bus geblieben ist, wissen wir nicht. Wir sind die einzigen Besucher hier. Zwischendurch begegnen wir zwei Mönchen. Ansonsten dürfen wir das Areal allein erobern.







Der Rückweg ist die Härte!
All die Treppen, die wir eben noch bergab gelaufen sind, müssen wir nun wieder hinauf. 😅
Oben angekommen ist die Gruppe, mit der wir gekommen sind, noch nicht wieder zurück. Zwei andere Touristen (übrigens die Einzigen, denen wir außer
der Gruppe an diesem Tag begegnen werden) und wir werden nun zum „Hanging Temple“, dem Baoxiang Temple, gebracht. Der befindet sich am Foding Mountain.
Ebenfalls im Shibao-Shan-Nationalpark. Die Fahrt dauert etwa zwanzig Minuten mit dem Shuttle-Bus.
Kaum sind wir am Fuße des Aufgangs zum Tempel angekommen, wartet schon die erste Herausforderung: Eine kleine Armada von Souvenirverkäufern.
Da außer uns kaum Besucher unterwegs sind, richten sich sämtliche Verkaufsversuche auf uns. Wir lehnen freundlich ab und
bahnen uns den Weg durch das Spalier.
Dahinter beginnt der eigentliche Aufstieg.

Das erste Motiv ist schon mal schön.

Dann stehen wir vor einer schier endlosen Treppe. Ein Blick nach oben... Ja ich zögere.
Will ich da wirklich hinauf? Ja. Ich will!
Den Aufstieg müssen wir ganz allein stemmen. Stufe um Stufe arbeiten wir uns nach oben. Mal stöhnt Rainer, mal bin ich an der Reihe.
Mehr als einmal spiele ich mit dem Gedanken umzukehren. Doch der Wunsch, diese außergewöhnliche Tempelanlage mit eigenen Augen zu sehen,
ist am Ende stärker.
Also wird’s ein Kampf gegen den inneren Schweinehund.
Unterwegs sammle ich noch einen stabilen Stock auf. Zum einen dient er als willkommene Gehhilfe, zum anderen fühle ich mich damit etwas
besser gewappnet. Denn angeblich sollen hier immer wieder angriffslustige Makaken unterwegs sein. Jedenfalls wenn man den vielen Warnschildern
unterwegs glauben darf. Ob ich mich mit einem Stock tatsächlich gegen einen Affen verteidigen kann?



Auf der untersten Ebene des Tempels angekommen, sehen wir nur ein Exemplar. Und der ist nicht einmal an uns interessiert.


Baoxiang Temple
Der Name Baoxiang (宝相) hat im Buddhismus eine eigene Bedeutung und ist mehr als nur ein Eigenname. Wörtlich übersetzt heisst es
„heilige Erscheinung“ oder „ehrwürdiges Antlitz“ und bezieht sich auf die erhabene Gestalt Buddhas.
Die beiden Schriftzeichen einzeln betrachtet bedeuten:
宝 (bǎo) = Schatz, kostbar, heilig
相 (xiàng) = Erscheinung, Antlitz, Gestalt
Der Baoxiang Tempel wird in der Literatur unterschiedlich datiert, da einzelne Gebäude mehrfach erneuert wurden.
Gut belegt ist jedoch, dass die Tempelanlage während der Ming-Dynastie (1368–1644) entstand und in den folgenden Jahrhunderten,
insbesondere unter der Qing-Dynastie, erweitert und restauriert wurde.
Der spektakuläre Bau schmiegt sich an eine steile Felswand des Foding Mountains und erhielt deshalb den Beinamen „Hängender Tempel“.
Der Tempel gehört zum chinesischen Mahayana-Buddhismus. Ursprünglich aber als taoistischer Tempel erbaut. Er wurde als Ort der Meditation,
des Gebets und der Verehrung Buddhas errichtet. Wie so viele Tempel in Yunnan vereint er jedoch auch Einflüsse der lokalen Bai-Kultur,
so dass sich neben klassischen buddhistischen Elementen regionale Glaubenstraditionen wiederfinden.
Seine größte Besonderheit ist die Architektur: Mehrere Hallen und Pavillons wurden auf hölzernen Stelzen und in den Fels gebaut.
Über schmale Holzstege und Treppen sind die einzelnen Gebäude miteinander verbunden.
Das ist schon ziemlich außergewöhnlich. Jedenfalls haben wir so etwas noch nie gesehen.

Am Eingang des Tempels kehrt eine Frau den Laufweg.
Hier im Wald. Kein Blatt liegt auf den Platten. Unfassbar.


Das eigentliche Ziel ist - wie nicht anders zu erwarten - noch weiter oben.
Noch weitere viele, viele Treppen höher. Aber wir schaffen auch noch die.



... und noch mehr Treppen


... und dann sind wir ganz oben.
Am Ende erreichen wir eine Höhe von 2.650 Metern. Ein tolles Höhentraining für übermorgen, wenn es wirklich hoch hinausgeht.
Die letzten Stufen laufen sich schon fast von allein. Ich bin nur noch am Staunen. Ehrfürchtig frage ich mich, wie man mit den damaligen
Möglichkeiten das gesamte Material hochbringen konnte. Die Lage an einer Klippe kann man nicht anders als spektakulär bezeichnen.









Ich bin kein Experte. Aber was mich am gesamten Anblick stört, ist der aufdringlich goldene Buddha nebst der farbigen Shakyamuni-Statue. Das passt hier nicht rein. Abends stöbere ich etwas im Netz und finde heraus, dass beide irgendwann hinzugefügt wurden. Sie also nicht zum ursprünglichen Tempel gehörten. Da weiss auch die KI keine Antwort auf die Frage: Wer hat und wann wurden beide Statuen dort platziert.


Letztendlich nehmen wir‘s wie es ist.
Es ist ein toller Ort. Ganz ohne chinesischen Massentourismus.
Zurück am Parkeingang warten wir auf den Bus, der uns nach Shaxi bringen soll. Es handelt sich allerdings nicht um einen klassischen Touristenbus,
sondern eher um den Feierabend-Shuttle der Parkmitarbeiter. Die Abfahrt ist für etwa 17 Uhr angekündigt. Doch das ist – im sonst so
pünktlichen China – ausnahmsweise nicht ganz so eng zu verstehen. Der Bus fährt erst los, wenn auch der letzte Mitarbeiter Feierabend hat
und eingestiegen ist.
Wir fahren also gemeinsam mit der Belegschaft zurück. Unterwegs hält der Bus immer wieder an, damit einzelne Mitarbeiter aussteigen können.
So bekommen wir ganz nebenbei noch einen kleinen Einblick davon, wo die Menschen, die hier arbeiten, wohnen.
In Shaxi angekommen, setzt uns der Fahrer kurzerhand am Ortsrand ab.
Eigentlich hatten wir mit einer Haltestelle näher an der Altstadt gerechnet, doch darüber lässt sich nicht diskutieren.
Wir sollen hier aussteigen. Ende der Diskussion.
Nun gut, dann spazieren wir eben die letzten Minuten zu Fuß.
Das spielt für uns keine Rolle. Am Ende sehen wir darüber hinweg. Wir sind einfach nur happy über diesen gelungenen Tag.
Der Shibaoshan mit seinen Grotten, der spektakuläre Baoxiang-Tempel und die beeindruckende Landschaft war jede einzelne Treppenstufe wert.
Morgen früh werden wir sehen, ob wir Muskelkater haben werden. Vermutlich werden wir beim ersten Schritt aus dem Bett spüren,
wie viele Stufen es am Ende waren.

