Tianmenshan National Forest Park
Am Abreisetag hat sich die Regenfront endgültig verzogen. Genau so, wie es die Wetter-Apps prophezeit haben.
Die Sonne scheint und es ist wieder angenehm warm.
Dennoch sind wir nur mittelmäßig verärgert, dass das schöne Wetter ausgerechnet jetzt zurückkehrt. Dafür gibt es gleich mehrere Gründe.
Zum einen ist da unsere heutige Zugfahrt.
Eigentlich wollte ich die frühe Verbindung zu unserer nächsten Basis Hangzhou buchen. Früh aufzustehen machen wir bekanntlich
niemals gern und schon gar nicht freiwillig. In diesem Fall hätten wir allerdings eine Ausnahme gemacht. Denn für unseren
Reisetag gibt es genau zwei Direktverbindungen zwischen Zhangjiajie und Hangzhou.
Wegen der langen Fahrt von etwa acht Stunden hatte ich die frühe favorisiert. Ausgerechnet für diesen Zug waren aber schon alle Tickets weg.
Also musste ich etwas widerwillig die spätere Verbindung um 14:38 Uhr buchen.
Die ist zwar schneller unterwegs, dafür aber auch etwas teurer. So weit, so gut.
Als wir gestern überlegten, wie wir die Zeit bis zur Abfahrt sinnvoll nutzen könnten, machte uns der Hotelmanager einen Vorschlag:
Wir könnten doch noch den Tianmen Mountain besuchen. Das ist in dieser Zeit ganz gut machbar, meinte er.
Und so fühlt sich die unfreiwillig späte Abfahrt wie ein Geschenk des Universums an. Und das passende Wetter liefert es gleich mit.
Allerdings gibt es noch ein Problem: Wohin mit unserem Gepäck? Schließlich wollen wir nach dem Besuch nicht erst wieder
zur Unterkunft zurückfahren und dadurch unnötig Zeit verlieren. Aber auch dafür hat er ’ne Lösung.
Wieder einmal profitieren wir wirklich davon, dass China ein echtes Zugreiseland ist. Bahnfahren ist hier total populär und
deshalb gibt es für nahezu jedes Problem eine praktische Lösung. Schließlich reisen auch die Chinesen nicht nur mit einer
Handtasche durchs Land. Meist sind sie ebenfalls gut bepackt. Na gut, vielleicht nicht ganz so üppig wie wir.
Und wieder "lernen" wir etwas dazu. Was uns nämlich bisher noch nie aufgefallen ist, sind diverse Möglichkeiten der
Gepäckaufbewahrung an den Bahnhöfen. Hat auch vielleicht damit etwas zu tun, dass uns Werbeschilder wegen
der Sprachbarriere nicht ansprechen
Nach einem letzten guten Frühstück am Pool fahren wir also mit Didi zum Bahnhof von Zhangjiajie.
Im Untergeschoss befindet sich ein Reisebüro, das nebenbei auch Koffer und Taschen verwahrt. Das es so etwas in einem
Shop, der auch für uns als Reisebüro zu erkenn ist, gibt...Auf diese Idee wären wir gar nicht gekommen. Aber
bestimmt steht das auf einem dieser Aufsteller drauf.

Für 150 Yuan, also knapp 19 Euro, geben wir dort insgesamt sechs Gepäckstücke ab.
Für chinesische Verhältnisse ist das zwar kein Schnäppchen, uns aber jeden Cent wert.
So können wir vollkommen unbelastet die Gegend erkunden.
Nun gehts mit dem nächsten Didi direkt zum Eingang des Tianmenshan National Forest Parks. Hier kaufen wir unsere Tickets für die Seilbahn. Bis hierher läuft alles wie am Schnürchen. Zum Glück gibt es nirgendwo Wartezeiten oder irgendwelche Verzögerungen. Unser straffer Zeitplan funktioniert bisher ganz gut.
Rund um die Station stehen mehrere moderne Besuchergebäude. Die Architektur ist im traditionellen chinesischen Baustil. Rote Säulen, weiße Mauern und dunkel gedeckte Dächer mit weit nach oben geschwungenen Ecken - das sieht einfach schön aus. Es sind Station, Restaurants, Geschäfte und weitere Einrichtungen für Besucher. Und im Hintergrund lugt schon das Himmelstor durch.




Über diese lange und vor allem steile Rolltreppe geht es zur Gondel.

Allein die Fahrt nach oben ist bereits ein Erlebnis für sich.
In nur acht Minuten schweben wir mehr als
700 Höhenmeter den Berg hinauf. Die Aussicht - durch die Kabinenscheibe - ist zwar etwas getrübt aber sensationell!
Unter uns befindet sich nicht nur eine grandiose Landschaft voller Zipfelmützen-Berge. Nein - wir können
wunderbar diesen voll verrückten Straßenverlauf sehen. Schade, dass wir in China kein Mietauto haben dürfen. Es würde sich doch glatt
lohnen nur wegen dieser Straße ein Auto anzumieten um sie selbst zu fahren.




Oben angekommen beginnt ein spektakulärer Balkonweg entlang der steilen Felswand. Wirklich atemberaubende Ausblicke brauchen eigentlich mehr Zeit. Doch ständig schauen wir auf die Uhr, und das macht die Sache ein wenig stressig. Um etwas Ruhe hineinzubringen, legen wir deshalb einen festen Zeitpunkt fest, an dem wir ohne Wenn und Aber umkehren und uns auf den Weg zum Bahnhof machen müssen.
99 Bends Road
Der Balkonweg ist sehr gut gemacht. Es ist nicht wie gestern wo wir an der Kante gelaufen sind. Dieser Weg ist in den steil aufragenden Felsen gerammt. So ähnlich wie wir das schon in der Ruyi Cable Car Scenic Area, auf der Glasbrücke erlebt haben. Nur hier ist es ein Boden aus Bohlenbrettern.
Der Balkonweg ist klasse angelegt. Anders als gestern laufen wir hier nicht an einer Bergkante entlang. Der Steg wurde direkt in der steil aufragenden Felswand verankert und schwebt stellenweise über dem Abgrund zu schweben. So ähnlich haben wir es schon in der Ruyi Cable Car Scenic Area auf der Glasbrücke erlebt. Nur dass wir hier nicht über Glas, sondern über einen Boden aus stabilen Holzbohlen laufen.
Beim Blick tief nach unten schlängelt sich die Tianmen Mountain Road durch die grünen Berghänge.
Das sieht nicht nur spektakulär aus - es ist spektakulär.
Diese Straße wird auch „99 Bends Road“ oder „Tongtian Avenue“, Straße zum Himmel, genannt.
Auf nur 10,77 Kilometern windet sich die Auffahrt mit 99 engen Kurven von etwa 200 auf 1.300 Meter Höhe
hinauf zum berühmten Himmelstor.



Gebaut wurde die Straße zwischen 1998 und 2005, um das bis dahin nur schwer erreichbare Tianmen Cave für
Besucher zu erschließen. Sieben Jahre Bauzeit waren notwendig bei diesem steilen Gelände, den schroffen Felswänden
und dem wechselhafte Bergwetter.
Die Zahl 99 ist nicht irgendwie zufällig gewählt.
In China steht die Neun traditionell für höchste Vollkommenheit und eine Verbindung zum Himmel.
Später wurde die spektakuläre Straße durch Autorennen, Motorsportveranstaltungen und waghalsige Stunts weit über China hinaus bekannt.




Tianmen Cave
Am Ende des Spazierweges - es ist etwa ein Kilometer - erreichen wir endlich den Frontblick auf die Tianmen Cave. Mit „Cave“ ist hier das riesige Loch im Berg gemeint Übrigens ist die irritierende Bezeichnung auf die vereinfachte Übersetzung aus dem Chinesischen zurückzuführen. Das Wort Dong kann nämlich im entsprechenden Kontent entweder Höhle oder Loch oder auch Felsöffnung bedeuten.

Jedenfalls ist der Blick beeindruckend. Doch erst wenn man die Rolltreppe und die Menschen daneben sieht,
die wie Miniaturfiguren wirken, wird einem bewusst, wie gigantisch dieses Loch tatsächlich ist.
Hier sind die Zahlen dazu: 131,5 Meter hoch, 57 Meter breit und 60 Meter tief.
„Himmelstor“ ist ein weiterer Name für diese gewaltige Felsenöffnung. Und ich finde, es ist der passendste.

Nun haben wir die Wahl. 999 Stufen hinaufsteigen oder ganz bequem die Rolltreppe nehmen.
Keine Entscheidung, über die ich persönlich lange nachdenken muss. Meine Knie haben im „Treppenland China“ schließlich
schon einiges mitmachen müssen und vertragen nur noch Schonung.
Natürlich! nehmen wir die Rolltreppe.
Fünf extrem steile Rolltreppen bringen uns ganz bequem, stets mit einem tollen Rundumblick, hinauf bis direkt an den Fuß der gewaltigen Felsenöffnung.
Und so sieht die Treppe zur Tianmen Cave von oben aus.
Erstaunlich, wie viele Menschen - auch viele, die deutlich älter sind als wir - sich die 999 Stufen hinaufkämpfen. Für manche hat der Aufstieg neben der sportlichen
Herausforderung auch eine spirituelle Bedeutung. Im chinesischen Volksglauben verbindet sich der Weg zum Himmelstor
mit der Hoffnung auf Glück, ein langes Leben und Segen für die Familie.

Im Inneren des Himmelstores befindet sich ein Wasserbecken. Vermutlich ein Auffangbecken
für Regen- und Sickerwasser.
Eine offizielle Erklärung zu diesem Becken habe ich im Netz leider nicht gefunden. Seltsam aber sind dann diese roten Fische
im Wasser. Vielleicht doch künstlich angelegt und im Asienstyle angelegt?
Wie auch immer. Es sieht grandios aus!


Beim Blick nach oben kriege ich so etwas wie Ehrfurcht. Diese gewaltige Innenfläche des Durchbruchs hat eine Höhe von 130 Metern. Eine gewaltige Dimension. Es sprengt meine Vorstellungskraft welche Auswirkung es hätte, wenn ein "Eckchen" des Felsens runter plumpst.

Wir laufen hier oben noch eine kleine Runde. Hier gibt es wieder so etwas wie einen Balkonweg,
von dem man praktisch auf die andere Seite des Berges schauen kann. Das ist wirklich sehr gut gemacht.
Das Wetter ist natürlich herrlich. Das macht alles ein ganzes Stück noch schöner.
So hätte das Wetter gern die gesamten Tage sein können.

Übrigens...Im Jahr 2011 flog der US-amerikanische Extremsportler Jeb Corliss mit einem Wingsuit durch das gewaltige Himmelstor. Zu sehen hier
Kurzer Zeitcheck: Ja wir können noch die nächste Atraktion mitnehmen. Das wäre die Auffahrt auf das Plateau des Tianmen Mountains.
Leider gibt es heir keinen Aufzug. Es gibt "nur" Rolltreppen. Und davon sieben sehr lange Abschnitte. Das Ganze befindet sich
im Inneren des Felsens.
Womit wir so gar nicht gerechnet haben, dass Rolltreppen zwar schneller sind als selbst laufen aber dennoch kostet
die Fahrt elend viel Zeit. Leider können wir diesen Stillstand auch nicht aktiv beschleunigen. Jetzt umzukehren wäre auch noch 'ne Option.
Aber eigentlich wollen wir wenigsten sagen können. Wir waren oben!
Oben angekommen stehen wir schließlich auf dem Gipfelplateau. Hier könnte man wunderbar noch eine Runde wandern.
Könnte … Nun aber ist unser Zeitlimit erreicht.
Bis zur Abfahrt unseres Zuges bleiben uns nur noch zweieinhalb Stunden.
Und ausgerechnet jetzt, auf dem Rückweg, bildet sich vor den Rolltreppen nach unten eine lange Schlange.
Na gut, da braucht es keine weitere Überlegung: Wir müssen zurück. Für einen Rundgang über das Plateau reicht
die Zeit beim besten Willen nicht mehr.
Rainer stellt sich noch mal an während ich dieses einzige Foto mache:

Also beginnt der gesamte Ablauf noch einmal von vorne – nur in umgekehrter Richtung.
Allein die Fahrt mit den Rolltreppen nach unten dauert rund eine halbe Stunde.
Rolltreppen, Balkonweg, Seilbahn und anschließend die Fahrt zur Zhangjiajiexi Railway Station.
Alles läuft wie am Schnürchen. Und so erreichen wir rechtzeitig das Gate unseres Zuges.
Ganz ohne Stress.
Ganz ohne zu Bangen den Zug nicht zu erreichen..

Zum zweiten Mal auf dieser Reise gönnen wir uns eine Fahrt in der Business Class der chinesischen Bahn.
Die Sitze sind noch etwas moderner als auf unserer ersten Strecke. Großzügig,
bequem und eher wie Flugzeugsessel einer Langstrecke.
Kaum haben wir uns eingerichtet und die Sitze eingestellt, bemerke ich, dass sich der Zug bereits in Bewegung setzt.
Dazu meint Rainer trocken:
„Dann wird es jetzt wohl 14:38 Uhr sein.“
Tatsächlich wäre es nicht das erste Mal, das man seine Uhr nach der CR, der Chinese Railway, stellen kann.
Die Pünktlichkeit ist beeindruckend, besonders wenn man bedenkt, wie riesig dieses Streckennetz ist.
Nur wenige Minuten später nähern wir uns bereits der 200-km/h-Marke. Und später „fliegen“ wir mit 350 km/h durch die Landschaft.

Kurz nach der Abfahrt gibt es noch kleine Extras:
Wir bekommen ein Nackenkissen mit integrierter Massagefunktion und dazu eine Augenmaske mit wärmenden Massagepunkten.
Leider bleibt das Vergnügen nicht dauerhaft. Nach einiger Zeit müssen wir uns von dem schönen Spielzeug verabschieden.
Zugfahren in China ist eben wirklich eine eigene Liga.
Nach 6 Stunden und 38 Minuten erreichen wir schließlich Hangzhou. Eine weitere Millionenstadt vor den Toren Shanghais.
In Hangzhou begegnet uns wieder diese moderne Version einer Didi-Abholstation.
Wie gewohnt bestellen wir per App ein Fahrzeug und erhalten sofort das Kennzeichen unseres Fahrers.
Sobald der Wagen in die Tiefgarage einfährt, erscheint die Nummer auf einem großen Display. Kurz darauf wird
sogar angezeigt, an welchem Parkplatz genau das Auto hält. Erst dann setzen wir uns überhaupt in Bewegung.
Alles wirkt perfekt und extrem futuristisch.
Da stellt sich uns beiden einfach mal die Frage:
Werden wir noch lange genug leben bis es so etwas in Deutschland geben wird ????

Inzwischen bestellen wir grundsätzlich die XL-Variante. Mit unserem stetig wachsenden Gepäck wird es
in einem normalen Economy-Wagen langsam schwierig.
Mittlerweile haben wir uns an die Sänften gewöhnt. Es fühlt sich einfach verdammt gut an in diesen weich gepolsterten Ledersitzen
Platz zu nehmen. Das Fahrzeug ist angenehm klimatisiert - nicht zu kalt sondern einfach auf Wohnfühltemperatur gestellt.
Auch diese Wasserflaschen stehen stets bereit... Es ist einfach mal eine angenehm luxuriöse Atmosphäre.
Und das alles für umgerechnet gerade einmal etwa 11 Euro.
Bis zum gebuchten Hotel ist es nicht weit.
Vor dem „The Azure Luxury Collection Hotel“ empfängt uns der Bellboy...
Aber das wird eine neue Geschichte.
So geht es weiter
Hangzhou's Hotel empfängt uns mit einem Hauch von Luxus.
Doch natürlich wollen wir auch sehen, was die Stadt außerhalb unseres Hotels zu bieten hat.
Allen voran den berühmten Westsee.
Aber ich muss auch zugeben, dass nach weit über fünfzig Tagen Reise durch China langsam die Luft raus ist.
Das hat zur Folge, dass meine To-do-Liste inzwischen sehr übersichtlich aussieht. Mal sehen, was uns hier noch überrascht.

